Kirchengemeinden
in Köthen / Anhalt
Neuigkeiten
Saatfeld bei Gernrode
Saatfeld bei Gernrode

Predigt zu Joh 12,20-26

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, von Christus, unserem Bruder und vom heiligen Geist, unserem Tröster. Amen.

Liebe Schwester, lieber Bruder,

Liebst Du Dein Leben?

Was bedeutet Dir Dein Leben?

Könntest Du Dir vorstellen, dass Dir Dein Leben so bedeutungslos würde, dass es Dir nichts ausmachte, Dein Leben zu verlieren?

Liebst Du Dein Leben?

Ich liebe mein Leben und ich hänge daran. 

Ich liebe, was lebendig ist und freue mich darauf, wenn in diesen Wochen die winterstarre Natur langsam wieder lebendig wird.

Der höchste Wert, den ich meinen Kindern hab vermitteln wollen, ist die Achtung vor dem Leben. Und ich glaube, dass ich, wenn ich meine Kinder gelehrt habe, das Leben zu achten und zu lieben, ihnen das Wichtigste mitgegeben habe, was sie brauchen, um ihren Weg durch diese Welt zu bestehen.

Liebe Schwester, lieber Bruder,

ich hoffe inständig, dass Du mit „Ja“ antworten wirst auf diese Frage:
Liebst Du Dein Leben?

Wichtiger ist nichts auf dieser Erde, als dass ein Mensch aus tiefstem Herzen „Ja“ sagen kann, wenn er, wenn sie, gefragt wird: „Liebst Du Dein Leben?“


Kaum ein Wort Jesu ruft in mir solche Widerstände hervor wie dieser Satz:

„Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird´s erhalten zum ewigen Leben.“

Jesus, ich kann nur hoffen, dass Du diesen Satz nicht so gemeint hast, wie er heute in unserer Bibel steht. 

Ob ich Dir nachfolgen kann, Jesus, hängt davon ab, ob ich für diesen Satz ein positives Verständnis finden kann – ob ich ihm einen Sinn abgewinnen kann, der das Leben auf dieser Erde nicht entwertet.

Jesus spricht diesen Satz an einem entscheidenden Punkt in seinem Leben.

Das Johannesevangelium erzählt, wie Jesus begeistert aufgenommen wird von den einfachen Menschen – von den religiösen Führern seiner Zeit aber wird Jesus abgelehnt. Und Jesus weiß – es wird auf einen Streit um Leben und Tod hinauslaufen. 

Die religiösen Führer werden Widerspruch einlegen gegen Jesu Anspruch, den Menschen einen Weg zu zeigen, der zu einem erfüllten Leben führt.

Sie werden einschreiten gegen Jesu Anspruch, den Menschen eine Wahrheit zu vermitteln, die ihrem Leben eine unmittelbare Beziehung zu Gott schenkt.

Sie werden den Anspruch Jesu nicht gelten lassen, das Leben zu schenken, dass Gott uns zugedacht hat. 

Dieser Streit wird für Jesus tödlich enden – denn den Machtmitteln, die gegen ihn eingesetzt werden, hat er nichts entgegenzustellen als seine wehrlosen, offenen Hände. Jesus hat den Tod vor Augen.


Da tut sich für Jesus plötzlich eine ganz unvermutete Tür auf: Menschen fragen nach ihm, mit denen er nie gerechnet hatte. Zum Passahfest waren einige Griechen nach Jerusalem gekommen und die fragen nun nach Jesus. Ganz unbeholfen wenden sie sich zuerst an den Jünger Philippus: „Herr, wir wollen Jesus gerne sehen.“ 

Philippus weiß nicht recht, wie er mit diesem Anliegen umgehen soll und in seiner Verlegenheit wendet Philippus sich an Andreas: „Da sind ein paar Griechen, die wollen Jesus gerne sehen.“ Und zusammen gehen die beiden zu Jesus: „Meister, da sind ein paar Religionstouristen aus Griechenland, die Dich gerne kennen lernen wollen.“


Ist das der Ausweg? In seinem eigenen Land wird Jesus abgelehnt. Was heißt es da, im Ausland auf Interesse zu stoßen? Ist das nicht die Chance: frei wirken zu können? Den religiös interessierten Menschen im griechischen Kulturraum den Gott des jüdischen Volkes nahe zu bringen. Welch eine Perspektive tut sich da auf! Ist das nicht Deine Chance, Jesus?!

Paulus, später, wird keinen Moment zögern, diese Chance zu nutzen und dass wir heute hier in dieser Stadt von Gott reden, verdanken wir Paulus, der beherzt diese Chance ergreift.


Jesus aber wehrt ab. Es wäre nicht sein Weg. 

Es würde für ihn bedeuten, dem Konflikt auszuweichen, dem er nicht ausweichen darf.

 Auch wenn es ihn das Leben kosten wird: Dieser Konflikt muss jetzt ausgetragen werden. Wenn Gottes Wort in seinem eigenen Volk nicht mehr gehört werden kann, dann hat es auch er ganzen übrigen Welt nichts mehr zu sagen. 

Jesus wehrt ab. Es wäre nicht sein Weg, diesem Konflikt auszuweichen. 

Dass er in diesem Konflikt sein Leben verlieren könnte – dass er sein Leben verlieren wird – ist ihm offensichtlich bewusst.

Aber er verweist die Philippus und Andreas und diese griechischen Festpilger auf eine Weisheit, die sie aus ihrer eigenen Tradition kannten – eine Weisheit aus den Demetermysterien:

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, 

dann kann es nur verbraucht werden.

Dann wird es zermahlen und zu Brot gebacken und gegessen.

Das wäre nicht wenig – und es entspräche dem Sinn des Weizenkorns.

Aber es steckt noch eine andere Möglichkeit in dem Weizenkorn,

als die Möglichkeit, sich verbrauchen zu lassen.

In dem Weizenkorn steckt die Möglichkeit,

in die Erde gesät zu werden und dort – von Erde bedeckt, zu sterben.

Und doch aus der Erde wieder emporzukommen,

in einer ganz anderen Gestalt,

als Halm, der eine Ähre tragen wird und in der Ähre Frucht trägt 

– viel Frucht.


Jesus sagt damit:

Wenn ich mein Leben für so wertvoll halten würde, dass ich meine, es schonen zu müssen, dann wird das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk nie geklärt. Dann wird dieser Konflikt nie geklärt, in dem die Menschen so sehr an Gott vorbei leben, dass ihnen gar nicht mehr bewusst wird, wie unerfüllt ihr Leben bleibt.

Wenn ich mein Leben aber dafür einsetze, dass Gott und die Menschen seines Volkes endlich wieder zueinander finden, dann ist das eine Frucht, von der noch Generationen werden leben können – die sich nicht einfach verbraucht, sondern immer wieder neues Leben hervorbringt.“

Und so stellt Jesus sich dem Konflikt, nimmt den Tod in Kauf und sein Tod trägt eine Frucht, von der wir heute noch zehren.

Wir stehen heute vor einer Entscheidung: Verbrauchen wir diese Frucht oder werden wir selbst zu Saatkörnern? 


Liebe Schwestern und Brüder,

wie unselig ist diese Formulierung:

„Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird´s erhalten zum ewigen Leben.“

Jahrhundertelang hat sie dazu geführt, dass Christen ihr Leben gering geschätzt haben - das irdische Leben entwertet haben um das ewige Leben zu gewinnen. Welch ein unseliges Missverständnis!

Wenn Du Dein Leben liebst, es für Wert achtest, dann wirst Du nicht wollen, dass es sich ungenutzt erschöpft. Dann wirst Du - aus Liebe zum Leben - wollen, dass es Frucht trägt. 

Du wirst Dein Leben nicht für Dich selbst haben wollen, Du wirst Dich nicht vorenthalten wollen, wenn Gott Dich braucht, damit das Leben auch der anderen Menschen gelingt. Du wirst das als den Sinn deines Lebens empfinden, Gottes Liebe weiter zu geben - diese Liebe, die sich verdoppelt, wenn man sie teilt.   

Wie jemand am Sinn seines Lebens vorbei leben kann, der sich selbst vorenthält, Liebe nicht weitergibt, nicht teilt, dass hat der Dichter Erich Fried in einem Gedicht gut auf den Punkt gebracht:

Kleines Beispiel


Auch ungelebtes Leben

geht zu Ende

zwar vielleicht langsamer

wie eine Batterie 

in einer Taschenlampe

die keiner benutzt (...)

Wenn man (...)

diese Taschenlampe

nach so- und sovielen Jahren

anknipsen will

kommt kein Atemzug Licht mehr heraus

(...)

Da hättest du

genau so gut

leuchten können.


Amen

Kirchengemeinden Köthen

Pfarramt Hallesche Straße 15a, 06366 Köthen

03496 214157

Sie erreichen uns von Montag - Freitag 08:00 - 12:00 Uhr